Hat sich die Wahrnehmung von Filmmusik in den letzten 20 Jahren verändert?


Vor ein paar Tagen schaute ich mir meine Blogstatistiken an und bemerkte einen plötzlichen Anstieg des Traffics um 400%. Ich sah mir alles genau an (Hauptzugriff durch Google, Hauptbegriffe "Ziemlich beste Freunde Einaudi", Hauptzeit zwischen 20 und 24 Uhr) und kam zu dem Entschluss bei Google "Ziemlich beste Freunde tv" einzugeben. Und tatsächlich war der Film an diesem Tag 20:15 im Free-TV gelaufen. Ziemlich beste Freunde war bis dahin schon der am höchsten frequentierte Beitrag meines Blogs gewesen, aber dies überraschte mich dennoch. Und ich stellte mir die Frage, ob dieses Interesse für Filmmusik vor 20 Jahren auch schon so stark gewesen wäre. Dies ist nun der Ausgangspunkt für diesen Artikel. Er ist relativ subjektiv gefärbt und beruht nicht auf wissenschaftlichen Studien, weshalb die Kommentarfunktion gern exzessiv genutzt werden kann, um mich zu korrigieren.


Das Schicksal der hintergründigen Filmkünste

Filmmusik war schon immer eine eher stiefmütterlich behandelte Kunstform; wie eigentlich der gesamte Bereich der Film-Postproduktion. Niemand kennt die Komponisten, Sounddesigner, Colorcorrector, Colorgrader oder Cutter, welche einen Film nicht nur nebenbei veredeln, sondern ganz grundsätzlichen Einfluss auf ihn haben. Sie alle sind die stillen Arbeiter hinter den Kulissen. Sie sorgen dafür, dass der Film in sich stimmig ist, dass man Aussetzer der Schauspieler noch retten kann, dass schlechte Bildaufnahmen nutzbar gemacht werden. Insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Komponist und Cutter kann sehr wichtig sein, wobei natürlich hier in erster Linie der Regisseur als vermittelndes Element fungiert.
Ein bekanntes Beispiel aus der Vergangenheit ist die Abschlussszene von E.T., welche für den Komponisten John Williams so schwer zu dirigieren war, dass Steven Spielberg entschied, den Schnitt der Musik anzupassen. Interessant ist auch die Doppeltätigkeit von John Ottman in einigen Brian-Singer-Filmen (Die üblichen Verdächtigen, Operation Walküre), der dort Cutter und Komponist gleichzeitig ist, was natürlich eine hervorragende Abstimmung ermöglicht. Ziel der Zusammenarbeit aller Elemente ist die Herstellung einer Kontinuität, welche den Film zusammenhält; zumindest in der klassischen Hollywood-Theorie - andere (vor allem nichtamerikanische) Filmansätze stellen sich teilweise sehr bewusst gegen die Kontinuität, um bestimmte Emotionen zu erzeugen.


Wahrnehmung von Filmmusik heute und vor 20 Jahren

Früher wie heute ordnete und ordnet sich die Filmmusik normalerweise dem Gesamtkonzept eines Films unter. Früher wie heute, findet der Prozess weit abseits der Öffentlichkeit statt. Die Presse stürzt sich auf Schauspieler und vielleicht noch Regisseure; der Rest bleibt hinter den Kulissen. Hans Zimmer kann in Kalifornien in Ruhe seine Arbeit machen, während sich Jack Nicholson vor Paparazzi kaum zu retten vermag. Und dennoch hat sich die Wahrnehmung eventuell etwas verschoben.
Als ich 1999 die Schule verließ, war ich ein absoluter Nerd. Ich kannte Filmkomponisten mit Namen. Ich konnte filmmusikalische Themen zuordnen. Ich summte bei Filmen die Musik mit. Wer die Texte mitsprechen konnte, war schon merkwürdig, aber was ich da machte, fiel noch in eine andere Kategorie. Und obgleich ich aus dem Tal der Ahnungslosen stamme (Dresden), behaupte ich, dass dies in weiten Teilen Deutschlands zu dieser Zeit so gewesen sein dürfte, denn auch wir hatten inzwischen schon ein paar Jahre Kabelfernsehen hinter uns. Der eindrucksvollste Höhepunkt war zu dieser Zeit, dass ich nach dem gemeinsamen Schauen von Braveheart mit einem Freund sagte, dass ich die Musik sehr mochte und er mich fragte, ob da wirklich Musik im Hintergrund gelaufen wäre. Ich behaupte einmal, dass die meisten Menschen heutzutage zumindest wissen, dass Musik im Hintergrund bei Filmen läuft, auch wenn sie sie nicht immer unmittelbar wahrnehmen.


Mögliche Gründe für den Wandel

Ich habe dies nicht genauer untersucht, aber kann mir vorstellen, dass Filme wie Das Piano, Die fabelhafte Welt der Amélie und Ziemlich beste Freunde, zumindest in Europa, dazu beigetragen haben, dass Filmmusik etwas mehr Beachtung erfuhr. Auch Der Herr der Ringe dürfte einen gewissen Einfluss gehabt haben. Insbesondere die Herr-der-Ringe-Sinfonie ermunterte dazu, sich Filmmusik auch einmal abseits des Kinos "reinzuziehen". Speziell in Deutschland hat sicher Hans Zimmer auch ein gewisses Interesse geweckt, da er nun mal als Deutscher, ohne musikalische Ausbildung, den amerikanischen Traum verwirklichte.
Ich unterhalte mich immer wieder mit Menschen aus der jüngeren Generation (wie das klingt), die über Filmmusik Vorträge in der Schule halten mussten. Viele können bekannte musikalische Themen zumindest vage zuordnen. Auch die Unterscheidung, ob man gerade Filmmusik oder ein sinfonisches Stück hört, wird nach meinem Empfinden eher erkannt als früher. Wie gesagt, vielleicht ist dies eher ein persönlicher Eindruck von mir, aber ich glaube über die letzten zehn Jahre ein wachsendes Interesse am Medium Filmmusik entdeckt zu haben.


Mögliche Weiterentwicklungen

Die Frage ist jetzt, ob sich dieser eventuelle Trend fortsetzen könnte. Ich würde tendenziell eher sagen "nein". Filmmusik hat gewisse Charakteristika, die sie in der Regel für das Hören abseits des Films der breiten Masse unschlüssig erscheinen lässt. Die abrupten Variationen von Stimmungen, plötzliche Taktwechsel oder andere dem Medium Film geschuldete Notwendigkeiten dürften sie weiterhin eher im Hintergrund bleiben lassen. Am Ehesten könnten Suites für die Allgemeinheit interessanter werden, da sie nach klassischem Muster auskomponiert und damit dem "normalen" Hörer besser zugänglich sind.
Ich weiß noch, dass es mich bei einem meiner ersten gekauften Soundtracks (JurassicPark), beim Anflug auf die Insel, schon gestört hat, dass die Melodien so durcheinander waren und kaum in einem Zug zur Blüte kamen. Je mehr ich mich mit Filmmusik beschäftigte, umso mehr verstand ich die Notwendigkeit, was allerdings meine Klavierlehrerin in den Wahnsinn trieb, da ich in meinen Kompositionen diese abrupten Wechsel teilweise selbst einbaute und dies mit ihrem "klassischen Ohr" überhaupt nicht zu vereinen war. Da die meisten Menschen in Musik eher klare Strukturen mögen, glaube ich nicht, dass die breite Masse ihre Freude an dem Medium entdeckt.
Natürlich wünschte ich mir manchmal, dass Filmkomponisten mehr Anerkennung für ihr Werk erhielten. Auf der anderen Seite gälte dies für Drehbuchautoren, Cutter, Farbbearbeiter oder Special-Effects-Menschen in gleichem Maße, weshalb ich vermute, dass die Kunst der Filmmusik, wie alle anderen Bereiche der Prä- und Postproduktion eines Films, Nerdsache bleiben werden. Nur war man früher bei Interesse an diesen Gebieten ein absoluter Nerd, heute ist man ein relativer. Immerhin.



Kommentare:

  1. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

    AntwortenLöschen
  2. Ich denke, es kommt auch viel auf den "musikalischen Background" eines Einzelnen an.

    Tatsächliche Musiker mit Instrumenten-Beherrschung oder Musik-liebende aus dem Prog-Bereich werden der Filmmusik gegenüber schon immer aufgeschlossen(er) gewesen sein. Zumindest würde ich das so aus meiner jugendlichen / kindlichen Erfahrung behaupten.

    Einer der ersten Kommentare, die ich von Nicht-Musikern in Erinnerung behalten habe: "Bei "Over The Top" ist tolle Filmmusik dabei. Die ist wichtig für den Film."
    Damals, als kleiner Junge, war ich über diese Aussage verwirrt. Denn die Songs von Kenny Loggins & Co. waren ja "nur Soundtrack". Aber: Mit den gleichen Menschen habe ich auch die Star Wars Trilogie genossen und beim Imperial March kommentierte jeder: "Großartige Musik!" und alle schmetterten mit.

    Was will ich damit sagen? Ich denke, wie stark sich eine Filmmusik im Film etabliert, kommt auch ganz stark auf die Musik an.

    Und da sehe ich rein kompositorisch über die vergangenen Jahrzehnte einen ähnlichen Schritt, wie es die Pop-Musik erlebt hat. Nämlich einen Weg zur eingängigen (Sicherheits-)Komposition und mehr hin zum Sound-Design als zum vertrackten, ursprünglichem (Over-)Scoring.

    Die klassische, illustrierende Filmmusik aus den Anfängen des Filmes bis zu den 60er Jahren (vielleicht noch bis in die 70er?) ist ja quasi nur noch im Animations- und Zeichentrickfilm existent. Und auch in diesem Genre setzt man nun vermehrt auf unterhaltsame Mainstream Pop-Musik und zitiert im Score dieselbe. Dies soll nun auch nicht negativ oder abwertend klingen sondern ist lediglich eine Theorie zur ansteigenden Filmmusik-Popularität. Ich persönlich denke nämlich (da mag mich aber auch mein momentanes Umfeld trügen), dass sich in der Zukunft die Filmmusik noch weiter etablieren wird.

    Dies verdanken wir sicherlich auch der DVD und den Blu-Ray Veröffentlichungen. War es früher noch fraglich, dass sich eine Making-Of Dokumentation mit der Komposition zum Film beschäftigt und Komponisten, Dirigenten und eben auch Musiker ausführlich porträtiert (oder eben auch ein Making Of zu einer ganz eigenen Konzertreihe, siehe "Der Herr der Ringe"), so gehört dies heute bei jeder großen Produktion fast schon zum Standard.

    Gut so!

    Die, die sich mit dem Medium Film in ihrer ganzen Komplexität beschäftigen sind bestimmt dankbar dafür und freuen sich mehr über die Einblicke zur Musik-Gestaltung und überhaupt mehr über den "Faktor Mensch" (meines Erachtens unersetzbar, im Gegensatz zum Faktor Technik) in den Bereichen Produktion und Post-Produktion. Deswegen hoffe ich sehr, dass wir hier in Zukunft noch mehr ausführliche Informationen bekommen. Und dabei denke ich nicht nur an mein eigenes Projekt "Re-Score". ;-)

    Meine Antwort auf deine Frage: Ja, ich denke, die Wahrnehmung von Filmmusik hat sich in den letzten 20 Jahren verändert. Und ich denke, sie wird in den nächsten 10-20 Jahren noch mehr Aufmerksamkeit bekommen. In meiner Meinung steckt natürlich auch ein großer Anteil Hoffnung...

    :-)

    AntwortenLöschen